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Gedanken zum Wasser

Von Hans Kronberger

Das Wasser ist eine kosmische Sache", sagte Johann Grander bei seinem ersten Fernsehinterview mit mir. Getrieben von einem alten Reporterreflex setzte ich sofort nach und wollte genau wissen, wie denn dieser Satz gemeint sei. Heute halte ich diese Zusatzfrage für die unsinnigste, die ich je einem Interviewpartner gestellt habe. „Das Wasser ist eine kosmische Sache!" Klarer, eindeutiger und gleichzeitig umfassender und präziser kann man die Frage nach dem Wesen des Wassers nicht beantworten.

Ziemlich lange habe ich gebraucht, um das zu verstehen. Grander hat damit nicht mehr und nicht weniger getan als die Dimension beschrieben, mit der man auf das Element Wasser zugehen muß, um ihm einen Schritt näherzukommen. Wer es nur in dem Zustand, in dem es sich gerade befindet – im Wasserglas, im Fluß, im See, im Meer –, beachtet oder es als Eisblock oder Wolke sieht, kann bestenfalls einen winzigen Ausschnitt erkennen. Man muß das Wasser in seiner Funktion im gesamten Kosmos hinterfragen, das heißt nicht mehr und nicht weniger, als seine Gedanken unendlich weit aufzumachen und darüber nachzudenken, warum es sich gerade auf den Planeten Erde verirrt hat, wie es entstanden ist, und welche Funktion es beim Entstehen und Erhalten von Leben hat. Unter diesen Gesichtspunkten lohnt es sich, die frühen Mythologien nach ihrer Wassersicht zu hinterfragen und überhaupt in die Geschichte der Wasserbetrachtung hineinzuschnuppern. Die ersten schriftlichen Aufzeichnungen sprechen von einem unendlichen Urgewässer, in dem es kein Oben und kein Unten gibt, sondern nur „grenzenlose Tiefe". Erst mit der Reflexion über Gut und Böse kam es zur Trennung von Himmel und Hölle. Allmählich visualisierten die einzelnen Frühkulturen ihre Vorstellungen in Form von Göttern. Auffallend ist, daß sich gleichzeitig bipolares Denken entwickelte, also zwischen Mann und Frau unterschieden wird. Die Babylonier erzählten vom Muttergeschöpf Tiamat und vom Vater Apsu. Durch die Vereinigung von Salzwasser und Süßwasser wurde nach babylonischen Vorstellungen die erste Götterrasse gezeugt, deren Nachkommen aus dem kosmischen Urmeer Himmel und Erde schufen.

Auch die indische Mythologie spricht vom Urwasser, aus dem der wunderbare Lotus erblühte. Der Blume entstieg Brahma, der Schöpfer-Gott und große Architekt, der das Universum nach seinen Erinnerungen an frühere Welten sich entfalten läßt. Nach getaner Arbeit legt sich Brahma schlafen und wacht erst nach 4,32 Milliarden Jahren wieder auf, nachdem die Welten vergangen sind und Bedarf zur Schaffung neuer besteht.

    Die alten Griechen besetzten das Wasser zuerst mit einem übermächtig kraftvollen Gott: Poseidon, der Herrscher über Meere und Flüsse, lebte nach griechischen Vorstellungen in einem Wasserpalast und fuhr in einem von weißen Rossen gezogenen goldenen Wagen über die Wogen. Gischt und Wellen horchten auf seinen Befehl. Später schufen sie sich Heerscharen von Göttinnen und Göttern, Najaden, Dryaden und andere Nymphen. In ihrer Phantasie dichteten sie ihnen menschliche Eigenschaften an, sowohl anmutig schöne als auch häßliche, furchterregende und zerstörerische waren darunter. Die Flüsse und Quellen, an denen ihrer Meinung nach diese Götter wohnten, waren damit Orte der Kraft.

    Der griechische Philosoph und Mathematiker Thales von Milet (625-545 v. Chr.) bringt erstmals das Logos, die Vernunft, in die Wasserbetrachtung ein. Er definiert Wasser als „Rohstoff", der der „Urgrund alles Seins" ist. Von nun an versucht man sich mit „Vernunft" dem Phänomen Wasser zu nähern; sowohl Empedokles (483 bis 420 v. Chr.) als auch – oder vielmehr im besonderen – Aristoteles (384 bis 322 v. Chr.), der erstmals die Welt in vier Grundelemente zerlegt. Feuer, Erde, Wasser und Luft sind nach ihm die Bausteine der Welt. Diese vier Elemente beherrschen das Denken bis zu den mittelalterlichen Alchimisten, die unter anderem nach einem Elixier suchten, um wertarme Rohstoffe in Gold verwandeln zu können. Der Gedanke nach Veredelung und Wertschöpfung aus Ingredienzien der Natur hat sich in den nächsten Jahrhunderten pervertiert bis hin zur Maxime, daß der Geldnutzen gegenüber der Natur-erhaltung absoluten Vorrang hat.

    Der große Naturforscher, Arzt und Philosoph Theophrastus Bombastus von Hohenheim, genannt Paracelsus (1493 bis 1541 n. Chr.), kombinierte traditionelles Wissen der alten Mythen mit den empirischen Methoden der entstehenden rationalen Naturwissenschaften.
    Die vier Urstoffe waren seiner Meinung nach belebt mit den dazugehörigen Elementargeistern: „Die im Wasser sind Nymphen, die in der Luft sind Sylphen, die in der Erde Pygmaei, die im Feuer Salaman-drae", beschreibt er die von ihm anerkannten, aber mit der modernen Naturwissenschaft nicht kombinierbaren Kräfte in den Elementen.

    Der „skeptische Chemiker", so benannt nach seinem Buch „The sceptical Chymnist", der Ire Robert Boyle (1627 bis 1691), bricht mit der Elementenlehre des Aristoteles, nachdem er festgestellt hatte, daß die auf diesem Prinzip beruhenden Arbeiten der Alchimisten nicht Stoffe, sondern Eigenschaften beschrieben.

    Gegen Ende des 18. Jahrhunderts entdeckte Antoine Lavoisier (1743 bis 1794), daß sich das aristotelische Element Wasser aus den chemischen Elementen Wasserstoff und Sauerstoff zusammensetzt. Er definierte Wasser neu und zwar als Element, das sich auf keine Art und Weise mehr in andere Stoffe zerlegen läßt. Eine Meinung, die sich bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts gehalten hat. Mit der Reduktion des Wassers auf die chemische Formel H2O reduzierte sich auch die Wasserbetrachtung auf einen rein mechanistischen Zugang. Erst die Entdeckung der Clusterbildung des Wassers und erste Ansätze von Nachweisen der Informationsübertragung im Wasser erschüttern dieses absolute Gebäude der Naturwissenschaft.

    Und hier schließt sich der Gedanke des Naturbeobachters Johann Grander an den eines der bedeutendsten Wasserwissenschafter des 20. Jahrhunderts, Viktor Gutmann. Der sechsfache Doktor und zweimalige Kandidat auf den Chemie-Nobelpreis antwortete auf meine Interviewfrage, ob Wasser vollständig erforscht sei: „Die Wissenschaft geht heute davon aus, daß Wasser anormal ist, weil es seine größte Dichte bei plus vier Grad hat und nicht, wie es die Wissenschaft vorschreiben will, bei null Grad. Nicht das Wasser ist anormal, sondern unsere Formeln sind unzureichend, um das Phänomen Wasser zu beschreiben."

    Da fiel es mir wieder ein: „Das Wasser ist eine kosmische Sache!"

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